Jan Oberländer | 19.05.2010 Dschungel, Wüste, Stadt

Einmal um die Welt in 250 Bildern – diese Ausstellung erweitert den Horizont. Anlässlich des 20. Geburtstags der Agentur Ostkreuz zeigt die Galerie C/O Berlin Arbeiten von 18 Fotografen, die in 22 Städten von Berlin bis Tokio, von Manila bis Gaza, von Lagos bis Moskau, von Detroit bis Reykjavik das “Werden und Vergehen” (so der Untertitel der Schau) beobachtet haben.

Anlass des Projekts ist eine brisante Gewichtsverschiebung: Seit dem Jahr 2008 leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Täglich kommen laut Katalog 190.000 neue Stadtbewohner hinzu, zwei pro Sekunde.  Inzwischen gibt es 25 Megastädte, die mehr als zehn Millionen Einwohner beherbergen. Andere Städte schrumpfen, zerfallen oder werden zerstört.

Wie wir leben wollen? Keine Ahnung

Die Ausstellung bietet faszinierende Einblicke in Straßenschluchten und Wohnhöhlen,  in Ghettos und Gärten – und weist zugleich auf Konflikte und Utopien des urbanen Lebens. In Thomas Meyers Bildern von Dubai City etwa verschwimmen die Grenzen zwischen Aufbau und Zerfall. Meyer findet gigantische Baustellen, gesichtslose Fassaden, künstliche Wohnwelten, radikalen Kommerz – aber nirgends eine Antwort auf die Frage “Wie wollen wir leben?” Die Stadt erscheint flüchtig, mehr Fata Morgana als Lebensraum.

Auch Pepa Hristovás meisterhaft inszenierte Porträts aus der von ihr so genannten “Electronic Town” Tokio wirken seltsam unwirklich. Zu sehen sind von der Stadtmaschine entseelte Menschen, im Dämmerlicht, mit trüben Augen. Ein Mann starrt auf einem Aussichtspunkt ins Leere, ein anderer präsentiert zwei riesige weiße Hunde, sie umgeben ihn wie Geister. Die Menschen, es gibt sie hier eigentlich gar nicht mehr.

Müll, Beton, ein Stück Himmel

Ganz anders Espen Eichhöfers Bilder aus den Slums von Manila. Hier ist das Leben nicht virtuell und maskenhaft, sondern körperlich, schmutzig, wild. Auf dem Foto “Jäger” ist ein Mann in einem Kanu zu sehen, er fährt durch eine Betonschlucht auf einem schwarzen Strom, vom Ufer aus beobachtet ihn ein Hund. Eine archaisch wirkende Szene, die in einem Urwald spielen könnte – doch spielt sie in einem Großstadtdschungel aus Stein und Müll. Am oberen Bildrand, über der Autobahnbrücke ist ein Stück Himmel zu sehen. Und ein Werbeplakat.

Da ist noch viel mehr: Dawin Meckels Fotos aus dem verlassenen Zentrum der sterbenden Autostadt Detroit. Jordis Antonia Schlössers Bilder aus der Haftanstalt Moabit, einer “Stadt in der Stadt”, vom Rest Berlins getrennt durch eine Mauer (Foto oben).  Heinrich Voelkels Trümmerstudien aus dem durch israelische Bomben zerstörten Gaza. Andrej Krementschouks stille Stimmungsbilder aus der verlassenen Stadt Prypjat nahe dem ukrainischen Atom-Unglücksort Tschernobyl. Wer am Wochenende noch nichts vorhat, sollte sich auf den Weg in die Oranienburger Straße machen. Der Ausflug in die Galerie C/O wird wie eine Weltreise sein.

„Die Stadt. Vom Werden und Vergehen“, noch bis 4. Juli in der Galerie C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36. Geöffnet täglich von 11 bs 20 Uhr, Eintritt: 8/5 Euro.

Führungen mit den Fotografen der Agentur Ostkreuz im Mai (jeweils um 15 Uhr):

Sa, 22. Mai: Jörg Brüggemann
So, 23. Mai: Thomas Meyer
Sa, 29. Mai: Jörg Brüggemann, Ute und Werner Mahler
So, 30. Mai: Jörg Brüggemann, Annette Hauschild

Mehr Informationen unter http://www.co-berlin.info

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Stadtleben - "Irgendwas ist immer – Berichte aus einer lauten Stadt"
  • Christine-Felice RöhrsIn Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.

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